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Do we deserve “Black Messiah“? Probably not. Do we need it? Hell yeah.

[The security guys were kind enough to confiscate my camera, so I had to rely on my old-ass smartphone. In related news, I was standing in second row and tried not to kill myself for all the pictures I would NOT be able to take. #NOTBITTER]

That said, … D’Angelo!!! As much as I try to avoid hyberbole after a great concert (I don’t), I can say that I have not seen a better performance than D and the Vanguard put on at Columbiahalle, Berlin last night. And only very few that match up to it.

They made the extraordinary look effortless, like the truly greats do. From the astounding level of musicianship and the brilliance of the performance to the sheer joy of witnessing the tortured genius that is D’Angelo just having a f-ing blast on the stage, you couldn’t have asked for more. For as great as „Black Messiah“ sounds on your speakers – to hear it played live with all its intricacies is an absolute revelation.

DSC 5312 Do we deserve Black Messiah“? Probably not. Do we need it? Hell yeah.

And then, there’s „Voodoo“. Listening to the first chords of „One Mo’gin“ brought me back to my awkward 16-year-old self, pretty much unworthy of its greatness but with the faintest of ideas that I might be listening to something very special. Over the years my appreciation for „Voodoo“ grew as my musical tastes became more sophisticated.

Now, as a semi-awkward 30-year-old, it is as close to my heart as anything that I have encountered musically. This made the outstretched jam-version of „One Mo’gin“ not only an incredible spiritual experience but a musical journey that took me from my formative years to this very moment in the second row of an ecstatic crowd in Columbiahalle.

In a world where we all circle the fiery sun
With a need for love
What have we become?
Tragedy flows unbound and there’s no place to run
Till it’s done
Questions that call to us, we all reflect upon:
Where do we belong? Where do we come from?
Questions that call to us, we all reflect upon
Till it’s done

IMAG2799 Do we deserve Black Messiah“? Probably not. Do we need it? Hell yeah.

Needless to say, the last encore „Untitled – How does it feel“ simply destroyed everything. When our Earth will finally be conquered by aliens and we’ll have to explain ourselves for all the fuss we make about love and erotism, sex and sensuality – just show them a tape of D singing and screaming and growling his way through this song with the crowd chanting in. They will let us live for this alone. It is perfect.

And yes, this was a longwinded way to say D’Angelo and The Vanguard are the FUCKING BOMB!! And you better go see them if you can!! Also: EXCLAMATION MARKS!!

IMAG2792 Do we deserve Black Messiah“? Probably not. Do we need it? Hell yeah.

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Midnight Blues with Moses – Ein Lob der Kuration

Es muss in dieser Kolumne mal ein Großthema behandelt werden. Etwas wie Europa, Datenschutz oder Rentensicherheit… oh Gott, ich bin auch schon eingeschlafen, ja. Na gut, nehmen wir halt Freiheit. Die Spatzen, die man lieber in der Hand hätte, pfeifen es schon lange von den Dächern, trotzdem immer noch eine gute Ansage: Freiwillige Selbstbeschränkung ist die neue Freiheit. So.

Ich habe ein Samstagmorgen-Ritual: aufstehen, Brötchen holen, Espressobohnen mahlen, Cappuccino machen, samt Frühstück wieder ins Bett kriechen und Zeitung lesen. Es ist die ultimative Entspannung. (Jeder Erdbeerjoghurt ist ja heutzutage ultimativ, also bitte erst Recht meine Entspannung.) Eine heilige Zeitinsel in dem reißenden Fluss, der die beschleunigte und sich weiter beschleunigende Gegenwart ist.

Während ich auf der Zeitinsel bin, ignoriere ich mein Smartphone gänzlich. Oh là là, man stelle sich vor! Es ist stummgeschaltet und sein Schweigen ein wohlklingendes Echo aus vergangenen, prädigitalen Zeiten. Den Soundtrack zu meinem Ritual liefert stattdessen WWOZ, ein nicht-kommerzieller Radiosender aus New Orleans. Während ich mir den Schlaf aus den Augen reibe, herrscht in Louisiana tiefste Nacht: Midnight Blues with Moses.

Mit sonorer Bass-Stimme und Shaft-Coolness verliest Moderator Moses alle halbe Stunde die Playlist. Die Aufzählung selbst klingt wie ein Slow Jam, so wie er mit Betonungen und Phrasierungen spielt. „We listened to a tune by… Otis Redding: Theeese arms of mine. Then Brother Ray Charles sang: I can’t stop loving you… and boy, did he saang… The wonderful Angela Bofill promises: This time I’ll be sweeter. Oh yeah.“ Ja, Moses ist cooler als Sie und ich, mit Verlaub.

So genieße ich also meinen Samstagmorgen. Wie herrlich entspannend das ist, dabei nicht ständig selbst wählen zu müssen! Ich entscheide mich einmal, die ZEIT zu lesen, und habe dann eine Vorauswahl von Themen und Informationen, die mich interessieren könnten. Ich entscheide mich einmal, WWOZ zu hören, und bekomme von Moses eine Vorauswahl von Songs, die ich mögen könnte. Ich muss nicht alle fünf Minuten selbst wählen, was mein vollkommen freies, selbstbestimmtes Ich optimaler Weise als nächstes hören oder lesen möchte. Sie ahnen es: freiwillige Selbstbeschränkung!

Das Problem ist natürlich die All-Verfügbarkeit von ziemlich: allem. Mit ein bis drei Klicks oder Touches hat man ja alles an Musik, Nachrichten, Filmen, Bildern, Wissen und so fort jederzeit am Start. Man muss sich also ständig entscheiden, was man will. Es ist nicht zum Aushalten. Der Mensch ist mehr denn je die Summe seiner Entscheidungen und die zu treffenden Entscheidungen sind in der Mehrheit – sie haben einen umzingelt.

Weiß Gott anstrengend, das. So hatten wir uns das nicht gedacht mit der absoluten Freiheit, der absoluten Wahlfreiheit. Ging’s da nicht um Spaß und Selbstverwirklichung? Irgendwie mehr Konfetti und weniger Konzentration auf diese mühselige Dauerbildung des eigenen Willens? Unsere Gehirne sind darauf ausgelegt, Komplexität zu reduzieren. Eine zu große Auswahl an Optionen überfordert uns. Wir können aus fünf Erdbeerjoghurts einen wählen und dann mit der Entscheidung zufrieden sein. Wir können es nicht mit 50 oder gar 500. Und nicht in jedem Moment, ständig und als Daseinszustand. Zu viel Freiheit lähmt. Booh.

Deshalb brauchen wir Kuration, Vorauswahl. Die Möglichkeit, uns gezielt „berieseln“ zu lassen. Man könnte auch sagen: Formen der freiwilligen Selbstbeschränkung, die uns die unendliche Last des pausenlosen Entscheidens abnehmen. Temporäre, selbstgewählte Unfreiheit, um frei sein zu können. (Hier bitte selbst einen klugen, augenzwinkernden Verweis auf Hegel’sche Dialektik einfügen.) So ist die ZEIT am Samstagmorgen mein Nachrichten-Kurator, Moses mein Musik-Kurator, die Bäckerei mein Brötchen-Kurator.

Radio und Fernsehen sind zwei naheliegende Beispiele für Angebote zur freiwilligen Selbstbeschränkung. Wie erleichternd zu wissen, dass jeden verdammten Sonntagabend der unsägliche Tatort läuft, und man diesen Abend nicht ständig auf’s Neue selbst gestalten muss. Und was für ein Fest an freiwilliger Selbstbeschränkung diese Fußball-WM ist! Jeden Abend ist die Entscheidung schon gefallen, was um alles in der Welt zu tun sei in diesem Leben – Fußball gucken!

Gezielt Entscheidungen auslagern, das funktioniert also ganz gut. Ein Problem bekomme ich dabei nur, wenn demnächst eine WM in Alaska stattfindet. Dank der ungünstigen Zeitverschiebung kollidieren dann die Freitagabend-Spiele mit meinem Samstagmorgen-Ritual und ich muss mich zwischen zwei Formen der freiwilligen Selbstbeschränkung entscheiden: Fernseher an und Miroslav Kloses 25. WM-Tor miterleben oder Radio an und Midnight-Blues with Moses hören…

Puh, das wird natürlich auch schon wieder anstrengend. Mich deucht, meta-entscheiden ist das nächste entscheiden. Ich glaube, ich krieche nochmal ins Bett und lese ein bisschen was über Rentensicherheit. Oh, yeah.

Foto: © R.C. Hickson Der Text ist erstmals hier erschienen.

Copyright Karin Fröhlich, www.commonvintage.com

Bock auf Schampus?

Ein Sommerabend im Volkspark Friedrichshain, das ist: volle Pulle Menschen. Die volle Dröhnung, das ganze Programm, die ganze Scheiße. Ich habe kaum mein Fahrrad angekettet, um ein paar Runden zu joggen, und bin schon vollkommen überfordert von der Situation in diesem Nicht-Park, von dieser Nicht-Park-Situation.

Normalerweise laufe ich hier, um den Kopf frei zu bekommen und die Gedanken ruhen zu lassen. An diesem flirrend-schwülen Samstagabend bin ich gerade ein paar Meter unterwegs und der Kopf: ist randvoll! Die Gedanken: rasen! Zu viele Eindrücke. ZU VIELE EINDRÜCKE. Herrgott, wer ist denn alles hier? Wer ist denn mal bitte nicht hier?

Ein Blick ins Berliner Demographie-Kaleidoskop: Gruppen von Typen, die saufen und grillen. Menschen, die auf Seilen balancieren. Verliebte Turteltäubchen. Alte Friedrichshain-Freaks. Junge Familien. Gothic-Typen. Halbstarke. Ganzstarke. Afrikanische Großfamilien. Türkische Großfamilien. Touristen. Schüler. Ehepaare. Raver. Biertrinker, Weintrinker, Quartalstrinker. Hier ist absolut jeder. Jeder, und Deine Mama.

Ist dieser Volkspark Friedrichshain am Ende eine verdammte, gelungene linksliberale Utopie? Trägt er das „Volk“zu Recht im Namen? Irgendwie ist das ja schon ziemlich geil: Diese ganzen unterschiedlichen Menschen können hier auf engem Raum friedlich nebeneinander „eine gute Zeit haben“, wie man sagt. Ein Park voller Schopenhauer’scher Stachelschweine: Definitiv nah genug beieinander, um sich zu wärmen, aber offensichtlich weit genug voneinander entfernt, um sich nicht gegenseitig zu zerfleischen.

So assoziieren die Gedanken vor sich hin, während ich in die dritte Runde starte. Sie sollten mein linksliberales Herz höher schlagen lassen, aber ich habe echt genug von dieser Menschenaggregation. Sie macht mich fertig. Alles hier ist Rauch, Fleisch, nackte Haut. Stimmen, Gesichter, Flaschen, Bässe. Wo ist eigentlich der Park nochmal? Die Bäume, das Gras, die Vögel?

Der Volkspark Friedrichshain ist an diesem Abend eine Mischung aus Love Parade, Geisterbahn, Kirmes und Schulpicknick. Während ich meine Runden drehe, werden meine niedrigsten Instinkte angesprochen. Im sekündlichen Wechseltakt meiner Schritte: mittanzen, mitsaufen, weglaufen. Ficken, kämpfen, kotzen. Ey, was guckt der denn so? Hui, was guckt die denn so? Hier liegt alles in der Luft, wie in einem drückenden 90er-Südstaaten-Thriller mit Ellen Barkin: Lust und Leichtsinn, Abgründe und erotisches Abenteuer. Im Zweifel auf’s Maul.

A hot summer’s night. Ein Sommernachtsalptraum. The Big Uneasy. Man denkt: Was, bitte schön, ist dieser VP F-Hain für ein beschissenes Höllenloch? Was für ein geil-gruseliger Menschenmoloch?

Weiterlaufen mit Pokerface. Ich schwitze extrem und natürlich nur vor Ärger, dass es nicht noch heißer ist. Puh, naja.. für mehr Witz reicht es gerade nicht. Vielleicht mal ne grundsätzliche Überlegung: Mag ich Menschen eigentlich? Es gibt ja Konflikte, die man mit beinahe 30 Jahren (don’t ask) für sich geklärt haben sollte. Butter oder Margarine? Beides – morgens Butter, abends Margarine. Boxershorts oder Slips? Beides – morgens Box-… nein, Moment… immer Boxershorts.

Aber Menschen, so grundsätzlich, ja oder nein… da oszilliere ich immer noch zwischen Liebe und Hass, tiefer Zuneigung und ehrlichem Ekel. Wenn Sie mich allerdings genau in diesem Moment fragen, da ich mich im Endspurt durch die Rauschschwaden und den Lärmteppich kämpfe: echt eher Ekel. Die Idee von Menschen erscheint mir gerade bedeutend besser als die hier angetroffene Umsetzung.

Immerhin, endlich habe ich meine bescheidenen fünf Runden geschafft und labe mich an lauwarmem Wasser und halbherzigen Dehnübungen. Entspannung setzt ein. In meiner Nähe lässt sich ein mittelaltes Ehepaar nieder und begrüßt einen herannahenden Freund. Er hat eine Flasche Rotkäppchen-Sekt dabei und ruft den beiden zu: „Bock auf Schampus?“

Ich find’s natürlich gleich viel zu gut und denke an Jochen Distelmeyer:

Dann steh’ ich auf und gehe unter Menschen / Und frage mich: Was kann ich tun? / Ich will sie hassen und kann’s nicht lassen / In allem, was sie ausmacht, auch ein Stück von mir zu seh’n.

Foto: © Karin Fröhlich, Common Vintage GmbH | Der Text ist erstmals hier erschienen.

Zitat

Sayeth Kwabs

If you’re looking for a place to hide, it’s alright / I will always try and look the other way / And if you’re ever caught between the lines / Wrong or right / We are one and I will always keep you safe

 

We watch our feet / We’re a little bruised and battle-worn / But the walls they built to keep us / Cannot shield our storm / We prayed for love / Someone in the distance / Who will listen / Listen to our breaking hearts

Copyright Philipp Nagels

Die Esoterik-Messe II

Es ist wohl das, was man showtime nennt: Seminarraum G-02, funktional-hässliche Polsterstühle, dazu dunkler Teppich, klar, und grelle Halogenstrahler. Hier könnte man gut etwas über „Verkaufsorientierte Gesprächstechniken im Einzelhandel“ oder „Führen mit Emotion: Das Erdmännchen-Prinzip“ lernen. Ich sitze in der vorletzten Reihe und harre, ach!, viel größerer Dinge: Lichtmeisterin Xendradrine und Ihrer Diamant-Einhorn-Kristall-Energie.

Dieses Highlight der Esoterik-Messe teile ich mit meiner Peergroup aus mittfünfzigjähren Frauen im besten QVC/Astro TV-Alter. Wir wissen, dass man mit einer exotisch-chicen Kombination aus Leopardenjäckchen und schwarzem Paillettenhut niemals, wirklich niemals, falsch liegt. Gemeinsam fiebern wir dem Vortrag der Meisterin entgegen. Spannung liegt im Raum – wer mag sich hinter diesem unwahrscheinlichen, lautmalerischen Namen verbergen? Xen-dra-drine…

Die Realität ist natürlich viel schlichter und viel grandioser als meine kühnsten Hoffnungen. Xendradrine ist: Sabine Müller. Mitte 40, klein, untersetzt, ehemals Notariatsfachangestellte und jetzt… Medium. Klar, Klassiker. Wenn auf den ersten Blick nicht zwingend überzeugend als Lichtmeisterin, dann doch sehr überzeugt von ihrem eigenen Auftritt. Von der ersten Sekunde an hat sie die rührend empfänglichen Damen im Griff mit ihrer so positiven Ausstrahlung und dem anbiedernden All-Zweck-Optimismus.

Gute Eisbrecher-Frage zu Beginn: „Wer von Euch hat aktuell Schmerzen oder etwas, das ihn bedrückt?“. Einige Hände schnellen sofort hoch, andere folgen nach und nach, zögerlich, bis auch die letzte oben ist. Trotz einer merklich zwickenden Schulter – man hatte sich nachts zuvor unvorteilhaft gebettet – enthalte ich mich vornehm. Und nehme mir damit die Chance auf eine Blitzanalyse durch Sabine, die nun die Reihen durchgeht und mit großer Geste weiß, welches Leiden die einzelnen Personen befallen hat.

„Bei Dir ist etwas in der Vergangenheit vorgefallen, eine Sache, die Dich immer noch sehr bedrückt. Es hängt zusammen mit einer Person, die Dir sehr wichtig ist…“. Und so geht es weiter, bis durch schrittweises Herantasten und unscharfe Formulierungen des Pudels Kern gefunden ist. Oder erfunden. Macht sie jedenfalls gut, keine Frage. Die meisten Anwesenden fühlen sich auf Anhieb verstanden und die wenigen Zweiflerinnen sind halt noch auf dem Dritten Auge blockiert, sie haben sich noch nicht genug für Sabine geöffnet. So weit, so obskur.

Es folgt die Paradedisziplin im Jesus-Zehnkampf: Leute auf die Bühne holen und vor aller Augen Ihr Leiden mindern. Die erste Kandidatin ist Mitte 60 und hat ein nicht zu übersehendes Hüftproblem. Schleppendes Schrittes, doch strahlend vor Dankbarkeit müht sie sich nach vorne. Zunächst darf sie dem Publikum zeigen, wie schlimm ihr Hüftleiden ist, indem sie einmal auf und ab läuft, dieses unter den fortlaufenden Mitleidsbekundungen der Lichtmeisterin. Wirklich schlimm, nicht? Wir sind betroffen, doch Heilung naht! Sabine bittet die Dame, auf einem Stuhl Platz zu nehmen und die Augen zu schließen. Dann kommt zum Einsatz, was sich nicht mehr parodieren lässt: Xendradrine’s Lichtmeister-Essenz, eine Art… Zauberspray? Das Etikett zeigt eine amateurhafte Zeichnung eines Einhorns, dazu die unschlagbaren Zeilen: „Lichtmeister Bernhard und Einhorn Zaubertraum. Manifestation – Realitäts-Erfüllung – Schöpferbewusstsein.“

Ich weiß, ob ich weinen oder lachen soll: lachen! Doch noch bewahre ich die Contenance, um die Zeremonie nicht zu stören. Sabine besprüht die Dame mit der Lichtermeister-Essenz und führt eine Art Schamanentanz auf, den absurd zu nennen eine maßlose Untertreibung wäre. Hektisch zerschneidet sie dabei mit den Händen die Luft, begleitet von einem mühsam antrainierten, albernen Singsang, der signalisiert, dass nun Xendradrine spricht.

Und voilà!, die Dame öffnet die Augen und, von Sabine gut suggestiv befragt, fühlt sich unglaublich erleichtert. Diese massiven Brocken auf ihren Schultern, diese schweren Steine, die auf ihr lasten und sie niederdrücken – hinfort! Und diese Lichtmeister-Essenz, wie erfrischend, wie ein Hauch von Frühling! Jetzt nochmal die Bühne auf und ab gehen, und siehe da – das geht ja gleich viel besser! Spontaner Applaus aller, deren Chakren sich weit genug geöffnet haben, um einen Unterschied in ihrem Gang festzustellen. Ich gehöre nicht dazu.

Nicht, dass ich nicht bestens unterhalten worden wäre, doch meine Stimmung beginnt zu kippen mit der nächsten Dame, die nach vorne geholt wird. Sie ist Mitte 40, hat rot gefärbte, gelockte Haare und ein verhärmtes, leidgeprüftes Gesicht, das erahnen lässt: Das Leben hat es bisher nicht zu gut mit ihr gemeint. Sie weint schon, bevor sie auf der Bühne angekommen ist. Schwerer Fall für Sabine. Dann der übliche mantraartig vorgetragene Hokuspokus, sie müsse sich öffnen für positive Energie, nur fest genug glauben, dass morgen ein besserer Tag komme, und so weiter. Es ist höllisch, dabei zuzusehen, wie dieser offensichtlich zutiefst hilfsbedürftige Mensch mit ein paar hohlen Phrasen und unter dem Erwartungsdruck des Publikums dazu gebracht wird hervorzupressen: „Ja, morgen wird ein besserer Tag.“

Zum Abschluss schmeißt Sabine eine Runde Liebesperlen des Herzen Jesu, die wir für die gemeinsame Meditation brauchen. Den Plastikkristall in der Hand, erlebe ich, wie die Energie aus der Regenbogenkristallquelle in der Mitte den Raum überströmt und unsere Chakren reinigt. In jeder Ecke des Raumes steht glücklicher Weise ein Einhorn, das die Energie im Raum festhält. Erleichterung im Publikum. Zunehmend weniger latenter Kotzreiz bei mir. Ganz ehrlich, da waren mir Jünger, brennende Dornbüsche und diese Wasser-Wein-Sache doch lieber.

Später gehe ich an Xendradrines Stand vorbei, um einen Freund in ihren Newsletter einzutragen. Sabine sitzt dort mit einer betagten Dame und quatscht ihr mit dem billigen Charme eines Gebrauchtwagenhändlers eines ihrer Produkte auf. Die Schamlosigkeit und Kälte, mit der die große Menschenfreundin ihre Schafe ausnimmt, ist, wenn nicht verwunderlich, dann doch ekelhaft. In einem Satzfetzen, den ich mithöre, fällt die Summe 190 Euro. Zählt es als unterlassene Hilfeleistung, wenn ich nicht dazwischen gehe?

Bei aller zum Himmel schreienden Komik, die dieses Kuriositätenkabinett Esoterik-Messe bietet – die Bedürftigkeit vieler Menschen hier – ein bisschen Aufmerksamkeit, ein halber Teelöffel Hoffnung – zerreißt einem natürlich auch das Herz. Man will sich nicht lustig machen über diese versehrten Seelen, man wünscht ihnen nur eine bessere Psychokrücke an den Hals als fucking Xendradrine. Zum Beispiel Jesus und Konsorten.

Nun gut, nach drei Stunden Messebesuch bin ich fertig und brauche einen versöhnlichen Abschluss. Also gehe ich noch einmal zu dem Stand mit der Klangschalenmeditation, vor dem ich bei meiner ersten Runde durch den Ausstellungsraum schon einmal unangenehm lange rumgelungert habe. Er wird betreut von einem bestens gealterten Italiener namens Giovanni und einer süßen Nepalesin namens Ujeli, in die ich mich natürlich unverzüglich verliebe. Und schließt sich da nicht herrlich der Kreis, ist sie nicht unsere letzte quasireligiöse Bastion – die romantische Liebe?

Achja, so ist es doch mit uns metaphysisch unbehausten Menschen, immer brauchen wir irgendeinen Gott. Naja, macht ja nix. Wenn nichts aus Ujeli und mir werden sollte, habe ich immer noch das Einhornspray. Morgen wird bestimmt besser. Besonders, wenn der Raum frühlingsfrisch nach Febreze riecht.

Der Text ist erstmals hier erschienen.

Copyright Philipp Nagels

Die Esoterik-Messe I

Wer fragt, warum eine Esoterik-Messe in Berlin Wilmersdorf zu besuchen sei, hat natürlich nichts vom Leben verstanden. Es ist ein mausgrauer, gut beschissener Februartag, als ich mich auf den Weg zum AZV Logenhaus mache. Die Location kann schon alles: Ein Bau, der seit hundert Jahren als Vereinshaus für die hiesigen Freimaurer dient, beherbergt heute die hiesigen Esoterikfreunde. Jaja, ach, das ist doch treffend, nicht?

Bevor ich das „Haus der Bruderschaft“ betrete, sauge ich noch etwas real existierende Westberliner Realität auf. Im „… nahe und gut“ gibt’s diese Woche 100g frisches Hüftsteak für 0,99 €. Das frisch gebackene Spanferkel für ca. 20 Personen kostet 99 €. Da kann man nicht meckern. Ein paar Meter weiter eine von diesen guten Kneipen, die Wilmersdorfer Faß heißen und, originell, ein überdimensioniertes Bierfass aus dunkeldeutschem Holz als Eingang haben. Hier kann man ungentrifiziert ein Pils trinken und genau wissen, wie die Welt da draußen läuft.

Genug Solidität getankt, ich bin bereit für Esoterik-Action. Freundlich wird man empfangen von den Damen an der Kasse und ist natürlich gleich vollkommen überfordert. Das Foyer des AZV Logenhaus ist genau so großzügig, schummerig und creepy wie man sich einen Ort vorstellt, an dem sich Freimaurer treffen, um zu konspirieren. Holzvertäfelungen, Vitrinen mit kitschigen Orden, goldgerahmte Portraits und Steinbüsten von verdienten Mitgliedern – das durchironisierte, durchindividualisierte Ich schüttelt sich bei so viel vereinsmeiernder Männerbündigkeit. Zeit für etwas Erhebendes.

Was also steht auf dem Programm, liebe Esoterik-Messe? Oh Gott, es ist natürlich viel zu gut! „Erstmalig in Europa – Lesung aus der Originalen Indischen Palmblatt-Bibliothek mit Hildegard Matheika“. Danach der Ukulelenprediger mit einer „heftigen Mischung aus fetzigen UkulelenRockSongs und krassen philosophischen Schlussfolgerungen“. Zeitgleich das Konkurrenzprogramm „Lichtmeisterin Xendradrine und die Diamant-Einhorn-Kristall-Energie“. Sie verspricht Energieblockaden aus meinen Zellen über ihren Kanal heraus zu lösen und mich mit der Regenbogenkristallquelle der 79 Strahlen zu überfluten. Ich bin noch keine fünf Minuten hier und breche schon beim Lesen des Programmheftes nieder vor Lachen.

Bis zu Xendradrines Seminar ist noch Zeit, also mache ich die Runde durch die Ausstellungsräume, ungläubig wie ein kleiner Junge im Süßigkeitenladen. Ein Buchstand verkauft die Bestseller „Energie Vampire – erkennen, meiden, abwehren“ und „Meine wilden Jahre – Memoiren des Engels 002“. Am Nachbarstand kann ich via Aura-Chakra Photografie die Farbe meiner Aura analysieren lassen, was lange überfällig ist. Als nächstes bekomme ich eine Broschüre in die Hand gedrückt mit der Headline „Das NASA-Foto zeigt, wie ein Engel auf die Sonne zufliegt“. Darüber ein Bild von einem kleinen hellen Punkt, der auf einen großen strahlenden Punkt zufliegt, alles in dramatischen Rottönen gehalten. Sehr großes Kino.

Es folgen unvermeidliche Klassiker wie Handschriftanalyse, Blicke in die Zukunft mit Xenia und Nahrungsergänzungsmittel, die mit Joey Kelly (sic!) werben – es nimmt wirklich kein Ende. So viel unfreiwillige Komik, so viel unfreiwillige Tragik und so viele verlorene Seelen, die an den Quatsch glauben. Man denkt: Gott mag tot sein oder nicht, mit der spirituellen Obdachlosigkeit des Menschen lässt sich jedenfalls nach wie vor bestens Geld scheffeln. Hartes Programm. Ich schwitze vor unterdrücktem Lachen und brauche dringend eine Pause, bevor ich mich Xendradrines Regenbogenkristallquelle stelle.

Im Buffetraum blickt streng von der Wand Mozart, der alte Freimaurer. Das überreizte Gehirn kann sich hier sammeln, die erschöpften Bauchmuskeln etwas durchschnaufen. Es gibt gedeckten Apfelkuchen und Filterkaffee.

[Hier geht’s zum zweiten Teil des Messeberichts.]

Der Text ist erstmals hier erschienen.

Copyright Götz Schleser, www.goetzenbilder.net

Generation Y Not

Ich bin verkatert, habe zu wenig geschlafen und kann mich nicht entscheiden, ob ich mir zum Flat White einen New York Cheese Cake, einen White Chocolate Walnut Cranberry-Cookie oder einen Cinnamon Ginger Sugar-Snap bestellen soll. Lesen Sie diesen Satz noch einmal. Ein pures Desaster. Aber immerhin, das Make-up sitzt und der Mac hat noch 88% Akku. Ich kann nicht sagen, dass ich per se unglücklich bin. Das ist in etwa die conditio humana meiner Generation in einer Nuss-Schale. Oder ist sie es?

Klar, welche Ansage jetzt kommen muss: Ich fordere eine Revolution von der Generation Y, und zwar eine Bewusstseinsrevolution. Darunter machen wir es heute nicht. Zumal der Espresso gerade zu wirken beginnt. Also mit Elan voran! Was sind sie, die Probleme der millenials?

Nun, wir haben es inzwischen tausendfach gehört, gelesen und im Zweifel erlebt: Dieses ständige sich entscheiden müssen zwischen scheinbar unendlich vielen Optionen ist, im Duktus der Betroffenen, hart anstrengend. Von den täglichen banalen Konsumentscheidungen über das effizienz-optimierte Entspannen am Wochenende bis hin zu dieser aufdringlich existentiellen Frage, was man eigentlich genau aus seinem Leben machen wolle… Man kann echt keinen Schritt gehen, ohne dass einen die unendlichen Optionen schon umzingelt haben. Ich kann mich nicht mal entscheiden, welches verdammte Deo ich im Supermarkt kaufen soll – jetzt kommt mir nicht auch noch mit Karriereplanung, Partnerwahl und Identitätsbums!

So oder ähnlich die Klage. Eine Generation ergriffen nicht vom horror vacui, der Angst vor der Leere, sondern vom horror abundantiae – der Angst vor dem Überfluss. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten. Es ist undenkbar, alles, was man machen, haben und sein möchte, in ein Leben zu quetschen. So viele Länder zu bereisen, so viele Menschen zu treffen, so viele Bücher zu lesen… Jede Entscheidung für eine Option ist eine Entscheidung gegen unendlich viele andere Optionen. Die beliebig hohen Opportunitätskosten machen es quasi unmöglich, mit einer Entscheidung zufrieden zu sein, weil man sie immer gegen eine Frage verteidigen muss: Warum? Warum ausgerechnet Option A und nicht B oder C?

Nun, wir haben das Problem verstanden. Und müssen es natürlich gleich zeitgeistig mit einem Twitter-Hashtag relativieren: #firstworldproblems, so nennt man das wohl. Denn klar, das ist Klagen auf hohem Niveau und es kommt von einer global gesehen vergleichsweise kleinen, privilegierten Gruppe von Generation Y’lern, die einen Teufel tun würden, Ihre Wahlfreiheiten gegen -unfreiheiten zu tauschen. Allerdings ist auch klar: Das macht das Problem nicht weniger real. Und hier, auf dem Scheitelpunkt der Koffeinhoch-Kurve angekommen, setze ich an mit der Bewusstsrevolution. Ja ha!

Der Trick ist einfach: Wir müssen die Fragestellung umdrehen. Frage nicht: Warum sollte ich mich für den New York Cheese Cake entscheiden?, sondern frage: Warum nicht? Warum zur Hölle nicht?! Ausprobieren, machen, lernen – nächstes Mal ist man schlauer. Erfahrung schlägt Abwägung, handeln hadern. Meine neue Generation Y erstarrt nicht im Angesicht der unendlichen Möglichkeiten, sie wirft sich ihnen mit vollem Anlauf in die Arme. Augen auf und durch. Sie hat jetzt auch einen neuen Namen:Generation Y Not.

Ich bin übrigens mit wehender Fahne vorangegangen und habe mich – warum nicht! – spontan für den Cinnamon Ginger Sugar-Snap entschieden. Gutes Ding, aber etwas trocken vielleicht. Hm. Das Revolutionieren mit Restkater ist kein Spaziergang im Park. Es ist ein Ausnüchtern im Café.

Foto: © Götz Schleser, Götz Schleser Photography Der Text ist erstmals hier erschienen.

Copyright AP Photo/John Rooney

Quizduell – Dabei sein ist nichts

Ich spiele jetzt Quizduell. Damit bin ich etwa fünf Monate zu spät zur Party, aber hey, ich bin bekennender not-so-early adopter. Quizduell ist diese unwahrscheinlich beliebte App, bei der man sein Wissen mit anderen Spielern misst. Sie führt Download-Charts an, Zeitungen berichten, Freunde und Kollegen sind infiziert… Das ist normalerweise Grund genug für mich, sie als eine dieser kurzlebigen Modeerscheinungen zu belächeln und fürderhin zu ignorieren. Ich habe in vorsintflutlichen Zeiten nie „Moorhuhn“ gespielt. Als vor einigen Tagen gemeldet wurde, dass das erfolgreiche Smartphone-Spiel „Flappy Bird“ eingestellt werde, habe ich das erste Mal von „Flappy Bird“ gehört. Wenn das der Puls der Zeit ist, möchte ich ihn nicht fühlen.

Quizduell ist anders. Es hat mich sofort gepackt. Dabei reizt mich nicht der mancherorts gelobte „Bildungs“-Aspekt der App, die sie so wohltuend von anderen belanglosen Zeitvertreibern unterscheide. Ich halte es nicht für kriegsentscheidend zu wissen, ob die Abkürzung von Cadmium „Cd“ oder „Cm“ ist. Das Suchtpotential von Quizduell hat einen anderen Quell. Das reimt sich. Es fordert zwei meiner stärkeren Handlungsmotivationen heraus: gewinnen wollen und rechthaben wollen. Also die beiden Sekundärtugenden, die mich besonders sympathisch machen.

Ich habe erst vor drei Wochen begonnen zu spielen und gefährde damit aktuell zwei sehr gute Freundschaften und die Beziehung zu einer Arbeitskollegin. Weniges ruiniert meinen Tag mehr, als schon morgens vor dem Frühstück drei Niederlagen in Folge zu kassieren. Da könnte ich ausrasten. Wenn dann noch gezielter trash talk hinzukommt, ist der Tag gelaufen. Bis ich wieder gewinne, dann bin ich der König der Welt… muahahaha!

Krankhaft kompetitiv. Hey Moment, wer hat das gesagt? Nur weil ich als Jugendlicher meinen Tennisschläger so häufig auf den Boden haute, dass der Rahmen brach, heißt das noch lange nicht, dass… Und nur, weil ich bei der letzten Weihnachtsfeier die inkonsistenten Spielregeln eines harmlosen Pantomime-Spiels anprangerte (die Punktevergabe bildete nicht vernünftig die tatsächliche Leistung im Spiel ab), heißt das noch… Na gut ok, vielleicht ein bisschen.

Aber Hand auf’s Herz: Spielen macht keinen Spaß, wenn nicht alle krankhaft und verbissen versuchen zu gewinnen. Und wenn es keine Regeln gibt, die sicherstellen, dass grundsätzlich der Bessere obsiegt. Das hat natürlich nicht im Mindesten mit schlecht verlieren können zu tun. Im Gegenteil: Es ist eine Würdigung des Gegners und des Spiels als solchen. Gamesmanship nennt man das. Händchenhalten und Euch gegenseitig Blumen ins Haar flechten könnt Ihr beim Sunrise-Yoga, meine Lieben! Achso, und Sie glauben, dass Sie mich schlagen können? Sind Sie sich sicher? Na gut… Herausforderung angenommen! Sie finden mich bei Quizduell als philippnagels. Und Verzeihung, ich muss los. Jemand hat mich hier gerade zu einem Wettrennen bis zur Ampel herausgefor… [Anm. d. Red.: Der Autor läuft auf eine Ampel zu.]

Ich denke nach drei Wochen Quizduell kann ich mit einiger Sicherheit sagen, dass die App keinen Kultivierungsschub in die humanistisch verödende Spaßgesellschaft bringen wird. Aber das ist nur die Meinung eines Spätadoptierers.

Foto: © AP Photo/John Rooney Der Text ist erstmals hier erschienen.

Copyright Marvin Kleinemeier (http://rum-diary.net)

Polizeiruf 110 – Techno gebiert Spießer

Der Firnis der Zivilisation, er ist dünn, nicht wahr? Besonders dünn ist er an einem Mittwochmorgen um 3:22 Uhr, wenn liebliche Techno-Beats das Ohr umschmeicheln und agitiertes Gegröle einen sanft aus dem Schlaf küsst. Das semi-komatöse Hirn erahnt: Die Situation erfordert Handlung. Fuck. Und sie stellt einen unversehens vor die Frage, was für ein Mensch man eigentlich sei. Fuck!

Was also tun? Ich versuchte zunächst, mir eine buddhistische Gemütsruhe anzudichten, die mich diese dreiste Ruhestörung aus dem Nachbarhaus locker ertragen ließe. Nichts persönlich nehmen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, einfach smooth über den Dingen stehen. Notfalls mit Ohropax smooth über den Dingen stehen. Das funktionierte richtig gut, für die ersten fünf Minuten. Dann stand mir der Buddhismus bis zum Hals. Und die Nachbarn erst recht.

Es war also Zeit für die John Wayne-Variante: So aggressiv gegen die Wand klopfen wie möglich, ohne sich selbst die Hand zu brechen. Das lief. All die Stunden am Boxsack, die geschwollenen Handknöchel… endlich zahlten sie sich aus. Ha! Als wenig hilfreich erwies sich bei dieser Taktik die erwähnte, ohrenbetäubende Elektromucke. Mein linker Jab und meine rechte Gerade wurden nicht gehört.

Immerhin, ich war jetzt hellwach, geradezu alert. Alert genug, um mich ausgehfein zu machen und vier bis fünf Wohnungen im Nachbarhaus durchzuklingen? Die Schuldigen zu finden und zur Strecke zu bringen? Eher nicht. Unnötig zu sagen, dass meine Stimmung auf dem Nullpunkt war. Also auf dem natürlichen Nullpunkt, wo sich kein Molekül mehr regt, absolut nichts mehr geht. Ganz im Gegenteil zur Stimmung meiner Nachbarn, die sich in immer neuen Erregungswellen aufschaukelte wie eine dümmliche Talkshow-Diskussion um Kitaplätze. Babylonisches Sprachgewirr, infantiles Gelächter, umfallende Stühle… Diese verf****** spanischen Söhne einer Dame, die dem ältesten Gewerbe der Welt nachgeht!

Moment… hatte ich das gerade gedacht? In 15 Minuten vom Buddha zum deutschen Spießer, der seinen latenten Rassismus hinter Gartenzwergen und Gesetzestreue versteckt? Meine linksliberalen, toleranten Weltanschauungen, das Miles Davis-Poster über’m Bett, die gottverdammte Obama-Autobiographie im Regal – all das nur hohle identity claims, Staffage eines kosmopolitisch ausgekleideten Kleingeistlebens? Puh… ganz ehrlich, das ist mental ein extrem zähes Programm für eine Mittwochnacht.

Spießer hin, Rassist her – ich griff zu einer radikalen, aber vollkommen gewaltfreien Maßnahme. Irgendjemand musste diesem zu bunten Treiben ein Ende bereiten. Und der zu deutschen Selbstbefragung, ob meine berechtigte Verärgerung moralisch wirklich einwandfrei sei. Fünf Minuten später war Ruhe im Puff. Nebenan und mental.

Abends war ich dann zu einem Date in einer Tapas-Bar verabredet. Ich hab es abgesagt. Irgendwie war mir nicht danach. Stattdessen schaute ich einen Krimi und trank Whiskey. Solide. Die gewohnt hölzernen Dialoge, die mittelmäßigen Schauspieler, die vorhersehbaren Plots – da ist die Welt in Ordnung. „Tun Se doch nicht so unschuldig, Mann. Sie wissen doch selbst, was Sie getan haben… jetzt reden Se schon!“ Es war ein Polizeiruf 110.

Ich glaube, Weltoffenheit und Toleranz ist, wenn man die rücksichtslosen Nachbarn bei der Staatsgewalt meldet, egal ob sie deutsch oder spanisch, mongolisch oder mexikanisch sind. Diese Toleranz müssen wir verteidigen. Am Hindukusch, aber besonders an einem Mittwochmorgen in Friedrichshain. Der Filmriss der Zivilisation, er ist…

Foto: © Marvin Kleinemeier, Bob Sala Fotografie | Der Text ist erstmals hier erschienen.